Sichere Geldanlagen

„Wir sind zu jedem Risiko bereit, von dem wir glauben, dass es unsere Sicherheit erhöht.“

Wolfram Weidner (dt. Journalist, 1925)

Keine Entscheidung ohne Risiko: Wer Finanzentscheidungen trifft muss sich unweigerlich mit dem Thema Risiko auseinandersetzen. Eine große Herausforderung für Verbraucher, suchen doch viele „Sicherheit“. Streng genommen herrscht an den Finanzmärkten kein Risiko, sondern Ungewissheit. Risiko bedeutet, dass die Eintrittswahrscheinlichkeit kalkulierbar ist. Also wie beim Würfel: Jede Zahl von 1 bis 6 hat eine Eintrittswahrscheinlichkeit von 1/6.

Das Leben ist meist komplexer, so auch Finanzentscheidungen. Der Versuch, dies zu ignorieren und Finanzen wie Würfeln zu behandeln, ist eine der Ursachen für eine große Risikoverwirrung im Finanzbereich. Wir wollen uns hier aber weniger mit der Theorie beschäftigen, sondern lebensnah Risikokompetenz vermitteln. Diesen Begriff hat Prof. Dr. Gerd Gigerenzer (Buch: „Risiko“) geprägt. Als Direktor des Max-Planck-Instituts für Risikoforschung hat er festgestellt, dass wir – Experten, wie Laien – oft Probleme haben, Risiken richtig einzuschätzen und zu kommunizieren. Das gilt nicht nur bei Finanzen, sondern beispielsweise auch in der Medizin.

Im Kern geht es darum, wie wir Menschen helfen können, die Finanzentscheidungen unter Ungewissheit treffen müssen.

Kann man Risiko an den Finanzmärkten messen?

Vor dem genannten Hintergrund: Nein. Alle Versuche es dennoch zu tun, sind mit äußerster Vorsicht zu betrachten. Sie beruhen auf Annahmen – mit dem Risiko, dass die Annahmen fehlerhaft sind. Es besteht die Gefahr der Manipulation und der Selbstillusion.

Möchten Sie wissen, warum wir zwar das Wetter von morgen ganz gut vorhersagen können, die Börsenkurse aber nicht? Das erfahren Sie im folgenden kurzen Video der Schweizer Fintool.

Bedenken Sie:

Wenn wir wüssten, was morgen passiert, wäre das Leben todlangweilig.

Wahre Sicherheit kommt von innen

Sicherheit ist ein Gefühl der Geborgenheit, der Vertrautheit und der Selbstwirksamkeit. Wer Sicherheit in Prognosen, Produkten und Organisationen sucht, wird die Abhängigkeit von äußeren Umständen spüren.

Wir glauben daran, dass wir unsere Zukunft gestalten, aber nicht vorhersagen können. Wir können viel bewegen und dennoch gibt es Zufall. Ob dies uns Mut oder Angst macht, hängt davon ab, ob wir in uns ruhen oder uns über unsere Umgebung definieren.

Wir können keine Gewissheit über die Zukunft erlangen. Aber wir können Zuversicht in unsere Fähigkeiten haben:

  • zu reagieren
  • zu lernen
  • uns anzupassen
  • Lösungen zu finden
  • Verbündete zu finden
  • Hilfe zu erlangen

Kümmern Sie sich um Ihre Finanzen. Sich nicht darum zu kümmern bedeutet, sich nicht um sich selbst zu kümmern. Bestimmen Sie, welche Rolle das Geld dabei einnimmt. Denn wenn Geld ins Spiel kommt, macht es etwas mit Ihnen. Das spüren Sie. Drehen Sie den Spieß um:  Gehen Sie bewusst mit Geld um. So gestalten Sie Ihr Leben. Und fragen Sie sich ehrlich:

Welches Risiko passt zu mir?

Diese Frage sollte sich jeder stellen, bevor er eine Finanzentscheidung trifft. Jeder Mensch hat ein individuelles Risikoprofil. Die finanzielle Risikobereitschaft ist ein Persönlichkeitsmerkmal, dass sich messen lässt (Test).

Wer seine Risikotoleranz kennt, kann seine Anlage danach ausrichten und weitgehend angstfrei agieren. Neben der psychologischen Grenze, gibt es auch eine ökonomische: Welches Risiko würde, wenn es eintritt, Ihren Lebensstandard gefährden?

Zusätzlich spielt uns unsere Wahrnehmung einen Streich. Akute Risiken (Terrorgefahr) überschätzen wir, latente Risiken (schlechte Ernährung) unterschätzen wir. Mediale Aufmerksamkeit spielt dabei eine große Rolle.

Teure Irrtümer: Volatilität als Risikomaß

Volatilität gilt als Risikomaß. Die einfache Grundidee lautet:

Wenn etwas stark schwankt, dann induziert das Risiko.

An den Finanzmärkten setzen viele Volatilität mit Risiko gleich. Dies ist eine sehr „konservative“ Ansicht. Sie verwechselt Stabilität mit Sicherheit. Es ist gefährlich, sich auf dieses Maß zu verlassen. Das hat uns Nassim Taleb mit dieser herrlichen Geschichte vor Augen geführt. Sie stammt aus seinem Buch „Der schwarze Schwan“:

Die Truthahn-Illusion (frei nach N. Taleb)

Er bittet uns, einen Truthahn vorzustellen, der jeden Tag gefüttert wird. Der Vogel entwickelt eine Theorie: Menschen sind meine Freunde und sorgen für mein leibliches Wohl. Jede einzelne Fütterung wird die Überzeugung des Vogels stärken, quasi empirisch belegen. Er ist sich seiner Sache ganz gewiss. Am Nachmittag des Mittwochs vor dem Erntedankfest wird dem Truthahn etwas „Unerwartetes“ widerfahren. Er muss seine Überzeugung revidieren. Leider zu spät.

Die Geschichte ist typisch für unser Verhalten:

  • Wir denken linear, Trends verlängern wir unkritisch in die Zukunft.
  • Plötzliche und starke Veränderungen machen uns Angst. Stabilität beruhigt.

Risikowahrnehmung und Volatilität

Volatilität entspricht grundsätzlich unserem Risikoempfinden. Was stark schwankt, macht uns Angst. Dennoch verstehen Wissenschaftler unter Risiko etwas anderes als normale Bürger. Während uns nur Verluste belasten (also Schwankungen nach unten), stellt für den Wissenschaftler jede Abweichung vom Erwarteten ein Risiko dar.

Das ist ungefähr so wie bei medizinischen Testergebnissen. Ist der Test positiv, sind die Auswirkungen für den Patienten negativ und umgekehrt.

Wir helfen uns mit dem Bild des Wellengangs. Da macht uns auch die Bewegung (das Auf und Ab) Angst.

Volatilität enthält nur Informationen über die Vergangenheit (historische Volatilität). Sie wird üblicherweise für Jahreszeiträume ermittelt (Abweichungen sollten angegeben sein). Je kürzer die Zeitintervalle, je stärker die Schwankungen. Wer beispielsweise ständig auf die Börsenkurse schaut, ist viel nervöser und bekommt viel mehr Auf und Ab mit, als ein Anleger, der in größeren Abständen hinsieht.

Das Phänomen kennen wir von Anlagen, die nicht an der Börse gehandelt sind, wie Immobilien. Sie gelten gemeinhin als relativ sichere Anlage und somit risikoarm. Das hat damit zu tun, wie wir wahrnehmen: Bei Immobilien erfahren wir Preise und damit Preisschwankungen nur sporadisch. Oft indirekt, wenn der Nachbar verkauft. Hinzu kommt, dass Immobilien nicht abstrakte Wertpapiere sondern konkret erlebbare Objekte sind.

Natürlich kann eine Immobilie trotzdem erheblich im Preis schwanken. Das haben in den USA oder Spanien viele Investoren in der Finanzkrise feststellen müssen. Auch bei uns gibt es herbe Preiseinbrüche. Immobilien im Pfälzer Wald, Ostfriesland oder in Mecklenburg haben teilweise drastisch an Wert verloren. Davon lesen Sie wenig. Schlagzeilen machen Immobilien in München und Berlin mit Ihren Preissprüngen.

Volatilität als Preisfaktor (bei Zertifikaten)

Bedeutung hat die Volatilität für Termingeschäfte. Das sind Geschäfte, die heute abgeschlossen, erst in der Zukunft erfüllt werden. Da „historische Volatilität“ nur die Vergangenheit misst, wird zusätzlich eine „implizite Volatilität“ ermittelt. Sie wird aus Optionspreisen abgeleitet.

Klingt ganz schön verwirrend? Keine Sorge, typisch Finanzindustrie. Was man messen kann, ist Schnee von gestern. Stattdessen konstruiert man Hilfsrechnungen, um die Zukunft vorherzusagen. Letztendlich gehen diese nur auf Erwartungen von Investoren und somit auf Einschätzungen von Menschen zurück.

Die Information darüber, was Investoren erwarten kann nützlich sein, ist aber etwas völlig anderes, als Risiko „exakt“ zu messen.

Zertifikate beinhalten oft Optionsstrukturen. Somit hat die Veränderung der „impliziten“ Volatilität Einfluss auf deren Kurse. Viele Privatanleger sind nicht in der Lage die Kursentwicklung Ihrer Zertifikate nachzuvollziehen. Es wirken zu viele Faktoren ein. Bei Interesse mehr auf http://www.finanztip.de/zertifikate/.

TIPP: Hier treffen wir auf das bekannte Phänomen der Kombiprodukte: schwer zu verstehen, unflexibel und teuer. Um erfolgreich anzulegen, benötigen Sie keine Zertifikate. Kaufen Sie nur Produkte, deren Funktionsweise Sie verstehen.

Volatilität als Seismograph

Volatilität ist ein Indikator für potenzielles Risiko, eine Art seismografische Messung. Wenn Kurse stark schwanken und die Volatilität hoch ist, bekommen Sie das mit. Starke Schwankungen sind eine Nachricht. Welche Zahl hoch oder niedrig ist hängt vom jeweiligen Markt ab. Einige Märkte schwanken stärker als andere.

Doch denken Sie an den Truthahn: Auch niedrige Volatilität kann ein Warnhinweis sein oder zumindest ein Anlass, genauer hinzuschauen. Beispiele liefert die Natur: Raubtiere verharren oder schleichen sich langsam an, bevor sie blitzschnell zugreifen – Seeleute sprechen von der „Ruhe vor dem Sturm“.

Schleichende Risiken

Hat sich unsere Aufmerksamkeit auf einen Punkt fixiert, blenden wir den Rest aus. Das passiert auch bei Neuigkeiten. Jede neue Nachricht zieht uns magisch an. Dabei geraten alte Nachrichten, die genauso wichtig sind, in den Hintergrund. Wir bewerten daher neue Nachrichten ständig über.

Genau so ergeht es uns mit überraschenden Neuigkeiten oder großen Zahlen. Wir nehmen diese besonders stark wahr und überschätzen daher ihre Bedeutung.

Schleichende Prozesse hingegen unterschätzen wir: Es sterben viel mehr Menschen im Straßenverkehr als bei Flugzeugabstürzen. Es erkranken mehr Menschen in Folge von Bewegungsmangel als durch Skiunfälle.

Die Inflation entwertet unsere Kaufkraft auf Dauer mehr als ein Börsencrash. Laufende Provisionen kosten mehr Rendite als ein hoher Ausgabeaufschlag.

Alternative Konzepte

Maximum Drawdown

Der Maximum Drawdown ist leichter verständlich als Volatilität. Er sagt aus, wieviel Prozent ein Anleger in einer bestimmten Zeitperiode maximal verloren hätte, wenn er zum ungünstigsten Zeitpunkt ein- und ausgestiegen wäre. Diese Information ist gut nachvollziehbar. Ein Garant für die Zukunft ist auch sie nicht.

Value at Risk

Dieses Risikomaß ist bei Finanzinstituten wie Aufsehern gleichermaßen en vogue. Es gibt an, welchen Wert der Verlust einer bestimmten Risikoposition mit einer gegebenen Wahrscheinlichkeit innerhalb eines gegebenen Zeitraums nicht überschreitet. Böse Zungen behaupten, die Beliebtheit des Value at Risk beruhe darauf, dass er so dehnbar ist. Vorsicht: Schwer nachzuvollziehen, scheingenau und formbar.

Hinweis: Informationen zu Volatilität, Value at Risk (bei alternativen Finanzprodukten) gehen in Risikoklassen von Wertpapieren ein bzw. finden Sie in Produktinformationsblättern und Prospekten. Fragen Sie nach. Lassen Sie sich die Begriffe erklären. Und werden Sie misstrauisch, wenn Sie den Eindruck haben, dass Ihr Finanzberater die Begriffe nicht erklären kann.

„Viele Menschen lächeln über altmodische Wahrsager. Doch sobald die Hellseher mit Computern arbeiten, nehmen wir ihre Vorhersagen ernst und sind bereit, dafür zu bezahlen.“ Gerd Gigerenzer, Risiko