Ängste

Geld löst starke Emotionen aus. Obwohl die Ökonomie den Menschen als rational entscheidenden „homo oeconomicus“ definiert, hat die Gehirnforschung längst nachgewiesen, dass wir primär emotional und oft unbewusst entscheiden. Antworten auf viele Fragen finden wir daher in der Psychologie.

Ob individuell oder kollektiv – mit Geld verbinden wir Ängste und Hoffnungen. Ob Finanzkrise oder Börsencrash, Eurokrise, Schuldenkrise, Rentenprobleme: Stets gibt es Anlass, sich um sein Geld zu sorgen.

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Auch individuell löst Geld Ängste aus. Zumeist jedoch Sorgen um das eigene Wohlergehen oder das von Menschen, die uns wichtig sind. So sorgen wir uns als Eltern, ob unsere Kinder es mal besser haben werden und um unseren Lebensunterhalt im Ruhestand. Wer investiert hat sorgt sich um seine Anlage, wer Geld verliehen hat um seine Zinsen. Und alle darum, dass nach Steuern, Kosten und Inflation etwas rumkommt.

Das Gegenstück zu den Ängsten und Sorgen sind unsere Hoffnungen, die wir mit Geld verbinden. Hoffnung auf eine Gehaltserhöhung, eine lohnende Investition, einen besseren Job oder einen Lottogewinn. Wenn wir Geld hätten, so der Glaubenssatz, dann wäre alles viel besser – wir wären frei, unabhängig, sicher.

Doch wundert es nicht, dass immer, wenn sich eine Hoffnung erfüllt und wir mehr Geld haben, sogleich neue Sorgen und Ängste entstehen, es wieder zu verlieren.

Unsere Angst vor Verlust ist größer als unsere Freue am Gewinn. Das Verhältnis ist etwa 2:1 (Kahnemann / Tversky – Prospect Theory) – es verwundert also nicht, dass wir eine hohe „Verlustaversion“ besitzen.

Eine weit verbreitete Angst oder Sorge ist es, Fehler zu machen. Da die Zukunft ungewiss ist, ist es nahezu unmöglich, bei Finanzentscheidungen alles richtig zu machen. So hat fast jeder schon, schlechte Erfahrungen gemacht, Geld verloren, Chancen verpasst oder das Gefühl, dass sein Nachbar erfolgreicher ist.

Perfektionismus ist weit verbreitet. Das Beste ist gerade gut genug. Wir haben hohe Ansprüche. Doch die machen es nicht leichter, zu entscheiden. Was, wenn es doch noch eine bessere Lösung gibt? Und so kommt manch einer vor lauter Perfektionismus nicht vom Fleck.

Es sind aber nicht nur unsere eigenen Ansprüche, die uns zu schaffen machen. Die Gesellschaft, unsere Partner, Kollegen und Nachbarn haben hohe Erwartungen. Das geht sogar so weit, dass wir uns sorgen bereits verstorbenen Menschen nicht gerecht zu werden (dem Vater, dem verstorbenen Ehepartner). Das Risiko, etwas „falsch“ zu machen, erscheint uns zu hoch.

Jede Finanzentscheidung ist mit Risiken verbunden. Diese sind sogar größer als beim Würfelspiel. Während hier die möglichen Ereignisse bekannt sind, drohen im richtigen Leben „schwarze Schwäne“, wie man unvorhergesehene Ereignisse nennt.

Die Zukunft ist und bleibt ungewiss, aller Prognosen zum Trotz. Keiner kennt die Zukunft. Jede Prognose und Planung in die Zukunft basiert auf Annahmen. Eine weit verbreitete Annahme ist, dass sich die Dinge so weiterentwickeln, wie bisher (lineares Denken). Dabei sind Umbrüche etwas ganz Normales. Jeder Trend hat ein Ende und temporäre Unterbrechungen.

Unsere Risikobereitschaft spielt daher eine wichtige Rolle bei Finanzentscheidungen. Deshalb haben wir dem Thema Risiko ein eigenes Kapitel gewidmet. In der Finanztheorie und in der täglichen Praxis spielt die Frage der Risikomessung eine wichtige Rolle. Für den Einzelnen ist die Frage der Risikotragfähigkeit noch bedeutsamer.

Er muss sich fragen: Kann oder will ich mir dieses Risiko leisten? Kann ich die Auswirkungen verkraften, wenn es eintritt?

Finanzpsychologie

Zu den großen Teilgebieten der Finanzpsychologie zählen:

  • Börsenpsychologie
  • Verhaltensökonomie (Behavioral Finance)
  • Geldpsychologie

Populär ist die Börsenpsychologie. Sie versucht massenpsychologische Phänomene an der Börse zu erklären. Verkürzt geht es um den Kampf zwischen Gier und Angst. Populär wurde das Thema durch Andre Kostolany und andere „Börsenexperten“ von Praktikern wie Dirk Müller bis zu Akademikern wie Prof. Max Otte. Da hierzu bereits mehr als genug Lektüre besteht, werden wir diesen Bereich nicht vertiefen.

Mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften im Jahr 2002 an einen Psychologen, Daniel Kahneman, nahm die Verhaltensökonomie (Behavioral Finance) ihren Aufschwung. Im Gegensatz zur Behauptung der Ökonomen, der Mensch sei ein strikt rational nach Nutzen entscheidendes Wesen (homo oeconomicus), gehen Verhaltensökonomen davon aus, dass Emotionen und Intuition menschliches Handeln lenken. Neue Erkenntnisse steuert die Gehirnforschung bei. Viele Ängste rund um Geld haben den Ursprung in unserer frühen Kindheit. Während der Schwangerschaft und in den ersten drei Lebensjahren bildet sich unser emotionales Selbst heraus. Ausgestattet mit einem Urvertrauen in die Welt kommt es entscheidend darauf an, wie wir unsere Umgebung wahrnehmen. Strahlt unsere Mutter Ruhe und Gelassenheit aus oder ist sie selber ein Nervenbündel. Erfahren wir Liebe und Zuneigung oder Gleichgültigkeit und Kritik.

Sobald wir zu sprechen lernen, prägen sich wichtige Glaubenssätze zu Geld. Was unsere Eltern zu Geld sagen und vielmehr noch, wie Sie damit umgehen, bestimmt unsere Einstellung. Normalerweise ahmen wir unsere Eltern nach, sind sie kein Vorbild, so tun wir das Gegenteil. Beides ist eine Antwort auf das Verhalten, das wir beobachten. Solche tiefen Überzeugungen, auch Glaubenssätze genannt, prägen unser Verhalten – auch im Erwachsenenalter. Das geschieht unbewusst, hat aber starke Auswirkungen auf unsre Beziehung zu Geld. Mit diesen Themen beschäftigt sich die Geldpsychologie.

All diese Bereiche liefern Erklärungsmuster für unser Verhalten als Verbraucher bei Geldanlage, Sparen oder Verschulden.

Eine praktische Anwendung finden finanzpsychologische Erkenntnisse vor allem im Finanzcoaching. Der Begriff ist nicht geschützt. Definition laut Wikipedia:

„Finanzcoaching ist die individuelle, ergebnisoffene Begleitung (Coaching) von Personen (Coachees) oder einer Gruppe von Personen bei beruflichen, privaten und unternehmerischen Finanzentscheidungen. Im Finanzcoaching soll der Coachee ein besseres Verständnis von sich und seiner persönlichen Beziehung zu Geld, Risiko und Finanzen entwickeln. Dieses neue Bewusstsein soll die Grundlage für bessere Entscheidungsfindung und die optimale Umsetzung seiner finanziellen Ziele bilden.“